Glaarkshouse

Die Kinder von Dogubayazit.

Reisen ist wundervoll, begeisternd, mitreißend, überwältigend, schön. Und manchmal ist es eben schwieriger, macht es nachdenklich – oder sogar traurig.

Wie wir bereits erzählt haben, durften wir die Türkei als ein unheimlich aufregendes Reiseland entdecken. Ganz besonders östlich von Istanbul, über die Schwarzmeerküste, Zentralanatolien und Kappadokien sind sowohl die landschaftlichen Gegebenheiten als auch die Menschen unglaublich schön und äußerst spannend.

Allerdings verändert sich Vieles, je weiter wir uns der Ostgrenze des Landes nähern. Die Landschaft ist nach wie vor gewaltig, beeindruckend, abwechslungsreich – doch die Dörfer und Städte werden spürbar ärmer, die Kulturen vermischter, die Lebensräume wirken weniger aufgeräumt, weniger gepflegt, durchwachsen von Militärposten auf jeweils beiden Seiten der Grenzen.

Wir lernen neben den türkischen auch die armenischen, georgischen, azerbajdschanischen, kurdischen und vielerlei russischen Bevölkerungsgruppen kennen. Jede für sich ist aufregend und besonders. Und jede hat etwas über eine andere Bevölkerungsgruppe zu erzählen, vermeintlich zu „berichten“. Zwischen den Zeilen schwingen diese Töne mit, die auf die verschiedenartigen kulturellen Hintergründe und die aktuellen Spannungen schließen lassen. Den Nährboden für Konflikte, zu dem jeder eine andere Geschichte zu teilen hat. Und dies seit Jahrhunderten. Doch welcher dieser Bevölkerungsgruppen soll man nun Glauben schenken? Ist wirklich jemand der „Böse?“ Oder eine ganze Gruppe? Oder besser: wie konnte es dazu kommen?
Doch wer wären wir, dies zu beurteilen?

Jedenfalls spüren wir die Spannungen deutlich: die Menschen wirken eher verschüchtert, die Blicke bleiben öfter verschlossen, die Kommunikation wird häufig schwieriger. Kritische Blicke – fast schon argwöhnisch – werden uns zugeworfen. Wir gehören offensichtlich nicht hier her. „Was wollen die hier?“ steht in manchen Gesichtern. Uns fällt es selbst sehr schwer, die Landsleute auseinander zu halten. Wir werden oft für Russen gehalten und mit Worten unterschiedlichster Sprachen angesprochen.
Und so müssen wir nach drei Monaten Reisen leider zum ersten Mal sehr zwiegespaltene Erfahrungen sammeln.

Wir stehen kurz vor der Grenze zum Iran auf dem bei Overlandern und Backpackern beliebten „Murat Camping“. Von hier aus machen sich viele bereit für den Grenzübertritt zum Iran – oder auch für den Aufstieg auf den höchsten Berg der Türkei, den Mt. Ararat oder besser „Agri Dagi“ (5.137m).

Murat Camping Murat Camping

Hier treffen sich allerhand interessante Menschen, wie z.B. Ulla und Franz, die sich mit ihrem riesigen MAN Truck Richtung Nepal aufmachen (Simba wirkt wie ein Spielzeugauto daneben) oder eine Gruppe Amerikaner und Engländer, die sich vorbereiten, den schneebedeckten Ararat zu besteigen, um dort mehrere Wochen in der Kälte nach Noahs Arche zu „graben“. Kein Witz!

Jedenfalls trifft man hier illustre Menschen in einer gewaltigen, pittoresken und felsigen Mondlandschaft. Und außerdem sind Murat und seine Familie einfach nur großartig!

Mt. Ararat Mt. Ararat Base Camp

Peter und ich wollen erst nach dem Ramadan in den Iran fahren und so beschließen wir, ein paar Tage in Dogubayazit auszuspannen, stecken uns doch die letzten zwei Wochen ein wenig in den Knochen. Wir wollen uns nochmals in den Iran „einlesen“, Wäsche waschen, alle möglichen Tanks auffüllen, ein paar uns wichtige Emails schreiben, Geld wechseln, unser Heim sauber machen sowie unsere bundeswehrgrünen Reservekanister rot anstreichen, nachdem Peter nachts mehrfach Schüsse gehört hat und wir von verschiedensten Seiten vor Überfällen auf den Landstraßen im Grenzgebiet gewarnt wurden. (Mami, das waren nur Platzpatronen!)
Und so freuen wir uns auf ein paar Tage „Maintenance“.

Simba Jen

Wir stehen am Hang – direkt unterhalb des bekannten Ishak Pasa Palasts – mit einem wunderschönen Ausblick auf die Berge zwischen der Türkei und dem Iran.

Ishak Pasa
 Peter

Unter uns wird gerade ein kleiner Rummel aufgebaut, mit dem für die Kinder der Stadt das Ende des Ramadans gefeiert werden soll. Viele dieser Kinder beobachten schon im Vorfeld das bunte Treiben auf dem großen Vorplatz bei „Murat Camping“. Sie kommen aus den Siedlungen der Gegend – kleinere Cliquen von „Halbstarken“, wie ich scherzhaft zu Peter sage.

Weil wir es gewohnt sind, dass die Kids neugierig auf unser Auto reagieren, lassen wir Simba natürlich gerne bestaunen. Wie viele Kinder mit großen Augen haben wir schon in die Wohnkabine gehoben, um ihnen das Innenleben zu zeigen?

Auch hier kommen die Kinder zu unserem Auto gerannt, doch die Neugier ist keine Neugier. Der Grund für das Näherkommen ist eine Forderung. Und diese wird mehr als selbstverständlich zum Ausdruck gebracht: „Turkish Lira!“ sagen sie sogleich, in einem sehr bestimmten Ton und strecken dazu die Hand aus.  Als ich verneine, sagen sie „Handy!“, „Radio!“, „Dollar!“

Mist, denke ich! Immer wieder diese Situation auf Reisen, mit der man einfach niemals richtig umzugehen weiß. Kein Geld geben, lernt man ja so als Reisender! Ich versuche also dem Kopf der Bande zu erklären, dass es kein Geld gibt, während ich mir überlege, was ich Ihnen Sinnvolles aus unserem Vorrat geben möchte. Doch es kommt anders: „F*** you!“ – schreit der Kleine plötzlich mehrmals laut. Und rennt davon.

Am gleichen Tag noch treffen wir bei einem Spaziergang um die Berge erneut eine Gruppe von etwa 10–14jährigen Jungs. Als wir ihrer Bitte nach „Lira“ nicht nachkommen, trifft mich der Blick eines dieser Halbstarken, der mir noch heute das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und am folgenden Tag werden wir im fahrenden Auto von einem Jungen am Straßenrand mit Steinen beworfen – die uns und Simba zum Glück nicht treffen.

Viele Stunden unterhalte ich mich mit Peter über diese Situationen. Doch was genau ist es, was uns in diesen Tagen so traurig und sprachlos gemacht hat? Um Missverständnissen vorzubeugen: ich möchte keinem einzigen dieser Kinder einen Vorwurf machen. Sie sind noch nicht alt genug, um sich gegen ihre Erziehung zu wehren und die Verhaltensweisen, die ihnen vorgelebt werden kritisch genug zu hinterfragen. Mich beschäftigen einfach nur so viele Fragen.

Selbst nach vielen Reisen und Erfahrungen in fremden Kulturen fühle ich mich immer noch hilflos in diesen Momenten … Wie handelt man denn richtig, wenn Kinder direkt nach Geld betteln? Und ist Betteln nach Bonbons und Süßkram besser? Wie gehe ich damit um, wenn Kinder betteln, die im Vergleich zu anderen aus dem gleichen Viertel überhaupt nicht bedürftig wirken? Was geht in einem Kind vor, das mit Steinen nach einem Auto wirft, nur weil es keine Lira bekommt? Was wird diesen Kids eingeimpft, bevor sie auf die Straße geschickt werden? Und was passiert mit den Kleinen, wenn sie mit leeren Händen nach Hause kommen? Wie gehe ich damit um, wenn ein bettelndes Kind wütend wird, weil es etwas Vernünftiges zu essen von uns bekommt – anstelle  der gewünschten Lira?

Wie geht man um, mit dem Hass in den Augen eines Kindes?
Und am allerwichtigsten die Frage: Wer hat ihn gesät?

An unserem letzten Tag in der Grenzstadt Dogubayazit haben wir ein paar Dinge im Zentrum zu erledigen. (Zum Beispiel die Reifen über kreuz wechseln, was Peter ein wenig nervös macht, als Simba auf zwei Wagenhebern steht …)

Dogubayazit Dogubayazit

Und auch dort begegnen wir wieder einer Horde von Kids. Sie lachen viel, sind neugierig und freuen sich wie die Schneekönige darüber, (wie von ihnen selbst gewünscht) fotografiert zu werden und sich die Bilder direkt auf der Kamera anzusehen. Kinder – wie Kinder eben sind. 

Kids Kids Kids Kids

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