Glaarkshouse

Grenzerfahrung Nr. 1 „Welcome to Iran.“

Genau das waren die ersten Worte, die wir auf iranischem Boden hörten. Und um dort hinzukommen, mussten wir nur eine gute halbe Stunde vor einem schweren Gittertor auf türkischer Seite warten.

Es war 12 Uhr mittags. Mittagspause. Wir warteten nicht alleine. Ein ganzer Reisebus wollte samt Gepäck durch das Grenzterminal abgefertigt werden. Und dieser musste dieselbe trostlose, 4-spurige Straße von Dogubayazit hergekommen sein. 45 km nichts. Ein paar Berge, zu Beginn sieht man noch den Mount Ararat im Rückspiegel, aber dann ist es einfach nur noch Steppe, was auch schön sein kann, aber nicht um 12 Uhr mittags. Und nicht in der Kombination mit zerfallenen und zerstörten Häusern. Jen schlief im Auto. Ich hatte viel Zeit, über die Türkei und den Iran nachzudenken. Was wird uns dort erwarten? Wie gehen wir mit den vermeintlichen Einschränkungen um? Lange Kleidung und Kopftuch. Wie gehen die Iraner nach den verschärften Sanktionen mit Ausländern, mit Deutschen ganz speziell um? Wo werden wir parken und schlafen? Können wir uns noch frei bewegen? Und noch Tausend andere Gedanken.

Welcome to Iran

Wir kommen also an die Grenze, alles ist vorbereitet, Dokumente in der Tasche, Kleingeld für den „Notfall“ auch, unsere „Story“ ist auch abgesprochen. Die Türken stempeln uns „aus“. Wir müssen also vor dem Tor warten und der Reisebus steigt aus. Plötzlich, wie aus dem Nichts, fangen zwei Männer an sich zu prügeln! Und die meinen das ernst. Immer wieder geht ein Busfahrer dazwischen, aber die beiden Jungs wollen nicht von sich lassen. Ich überlege nur kurz ob ich mich da einmischen sollte und entscheide, dass ich mich unter den Augen der iranischen Grenzpolizei weder verprügeln lassen will, noch dabei beobachtet werden will, wie ich einem vielleicht Iraner eine wischen muss. Wir beide bleiben im Auto sitzen und sind geschockt, dass sich keiner der anwesenden Polizisten auch nur ansatzweise in Bewegung setzt und zu schlichten versucht. Irgendwann können die beiden nicht mehr und lassen doch ab.

Und endlich öffnet sich langsam das schwere Gittertor. Wir fahren durch und hören „Welcome to Iran!“ von zwei uniformierten Grenzbeamten, die uns nahezu fröhlich anlächeln und uns höflich bitten, das Auto abzustellen und den Koffer zu öffnen. Die beiden sind schwer neugierig und können es kaum erwarten hinten einzusteigen. Als sie sehen, dass ich mir vor der Einstiegsleiter die Schnürsenkel aufmache und meine Schuhe ausziehe, deutet einer auf seine Armeestiefel. Ich begegne mit einem Lächeln „Please no shoes in our home!“ Weil er keine Ambitionen hat, die Stiefel auszuziehen, ist er raus und dreht sich ab. Der Andere hat leider eh nur Sandalen an, schmeißt diese von den Füßen und folgt mir in den Koffer. Er öffnet ein paar Schränke, schaut in den Kühlschrank und frägt „Alcohol?“. Verdammt! Natürlich haben wir keinen Alkohol dabei! Wir wissen ja leider, dass man im Iran für ein Alkoholdelikt, also Alkoholkonsum, 80 Peitschenhiebe bekommen kann! Also „No! We don’t have alcohol with us!“ ist meine bestimmte Antwort. Er lacht ein bisschen. Warum, versteh ich nicht.

Aber es ist wahr: Jen und ich haben genau aus diesem Grund am Vorabend unsere letzte Flasche weißen Chateau neuf-de-Pape geleert. Es war ein großer Spaß – und auch Genuss – am östlichsten Ende der Türkei, umgeben von sehr beeindruckenden Bergmassiven und dem höchsten türkischen Berg, diese Flasche „Überbleibsel“ unseres alten Lebens zu genießen. Ein großartiger Moment gepaart mit vielen wunderschönen Erinnerungen an die Zeit in München und Basel und gleichsam sehr viel Spannung und Vorfreude bei den Gedanken an den Iran.

Also, der iranische Grenzbeamte geht wieder raus aus dem Koffer, ich verschließe alles und folge ihm. Nun müssen wir noch zur Passkontrolle und das Auto einführen. Wir stehen in einer Schlange. Nicht länger als 10 Meter. Die bewegt sich aber keinen Zentimeter. Drei oder viermal werden wir von Geldwechslern bedrängt. Die Kurse sind lächerlich und wir wechseln nichts. Plötzlich, aus dem Nichts, kommt ein Mann auf uns zugestürmt. Er trägt keine Uniform. Er sagt irgendetwas und will, dass wir ihm folgen. Ich will ihm erklären, dass wir noch durch die Passkontrolle müssen, doch er sagt nur „Later!“

Ein paar Millionen Rial Coke

Okay, dann gehen wir halt einfach an der Schlange vorbei. Der Beamte interessiert sich auch nicht für uns. Mir gehen ganz merkwürdige Gedanke durch den Kopf. Werden wir jetzt einfach durchgewunken?! Oder müssen wir jetzt zum Verhör?! Wie sich heraus stellt sollen wir nur erst mal die Zollpapiere, das Carnet de Passage, für Simba abgeben. Wir bekommen ein paar Fragen gestellt, und dann düst ein anderer Mann mit unseren Papieren davon und ward erst mal nicht wieder gesehen. Jen und ich müssen jetzt wieder zurück in die Schlange vor der Passkontrolle. Prima! Kein Verhör und auch nicht durchgewunken!

Der Mann, der uns bisher unterstützt hat, geht mit uns zurück. Er gibt dem Beamten unsere Reisepässe. Sie wechseln ein paar Worte. Wir sollen uns hinsetzen. Wir warten  nun zu dritt. Eine gute Stunde vergeht und nichts passiert.

Es stellt sich heraus, dass unser „Begleiter“ ein „Travel Agent“ ist, der eigentlich Reisen in den Iran organisiert und an dieser Grenze ein kleines Büro hat. Er heißt Ismail, der Einfachheit halber nennen wir ihn aber Agent 1. Während wir also da sitzen und warten erfahren wir, dass das Computersystem für die Passkontrolle der Touristen gerade nicht funktioniert, dass Frauen im Iran in den Städten nicht Auto fahren dürfen, dass 40.000 Rial für einen Euro (zumindest an diesem Tag) ein Super-Freundschaftswechselkurs sind und dass die Erde eine Scheibe ist. Nein, das nicht – aber noch so manch anderen Blödsinn. Agent 1 ist ein merkwürdiger Zeitgenosse.

Nun kommt Agent 2 ins Spiel. Agent 2 hält unsere Simba-Zollpapiere in der Hand. Er will sie mir zunächst nicht geben. Er spricht fließend Farsi. Ich nicht. Englisch funktioniert nicht. Ich frage Agent 1, ob ich die Papiere mal sehen kann. Prima, ich darf meine Zollpapiere sehen. Sie sind richtig abgestempelt. Nun warten wir zu viert. Meine Frau, ihr zusehends genervter Ehemann, der gerade seine gesamte psychologische „Vorbelastung“  zusammenkramen muss, um nicht schreiend über den Hof zu rennen, Agent 1 und Agent 2. Und es dauert immer noch. Nach gefühlten 2 Stunden dürfen wir endlich durch. Wir haben unsere Pässe, wir haben die Zolldokumente, also alles gut. Denke ich.

Plötzlich tauchen Agent 3, 4, 5 und 6 auf. Alle quatschen irgendein wirres Zeug. Agent 3 ist besonders konfus. Aber wahrscheinlich ist es gar nicht wirr, ich bin einfach nur zu doof! Agent 1 sagt ungefähr viermal „Don’t pay him money!“. Er meint Agent 3. Aber wofür sollte ich ihn denn bezahlen? Oder nicht bezahlen? Und wer gehört hier eigentlich zu welcher Mannschaft? Ich verstehe die Spielregeln nicht! Und was ist überhaupt das Spiel?

Wir bekommen nun noch zwei Zettel in die Hand gedrückt. Und dann taucht Agent 7 auf. Auf ihn haben wir anscheinend gewartet. In der Zwischenzeit spricht Agent 8 mit Jen und erzählt ihr, dass wir nun fahren dürften. Agent 8 wird später noch wichtig, da er sich als großer Fan meiner Frau herausstellen wird! Agent 7 ist anscheinend ein offizieller Beamter. Er trägt keine Uniform, muss aber Zettel unterschreiben. Davon haben wir immer noch zwei in den Händen. Leider bin ich im geschriebenen persisch keinen Deut besser als im gesprochenen. Ich habe also keine Ahnung, was auf diesen Papieren steht. Aber hier wimmelt es doch von Agents, die mehr oder weniger gut englisch sprechen.

Carnet de Passage Carnet de Passage

Ich wende mich an Agent 1. Er sagt „Don’t pay him money!“ Ja, das habe ich schon vor 10 Minuten verstanden. Mein Blutdruck steigt! Was mache ich mit den Papieren! Mit gebündelter Kraft finden wir heraus, dass das eine Papier regelt, dass wir nach ein paar Wochen iranische Kennzeichen benötigen würden. Erst einmal total egal. Das andere Papier soll noch für eine weitere Stunde ein Mysterium bleiben. Endlich, der offizielle Agent 7 unterschreibt eins der Papiere und sagt „You can go now!“ Daraufhin sage ich zu Jen „Nichts wie weg!“ Und Jen sagt „JA! Schnell! Sonst erschieße ich noch Agent 3!“ Wir fahren mit Simba los und dann steht er wieder da. Agent 3 schreit irgendwas gegen den Motorenlärm an! Ich gebe Gas und wir rollen langsam die Straße bergab.

Leider brauchen wir noch eine Autoversicherung. Plötzlich fährt ein iranischer LKW-Fahrer neben uns her und fragt auf Deutsch, ob wir Hilfe brauchen? Ich entgegne „Autoversicherung!“ Er deutet auf ein kleines Gebäude. Wir fahren dorthin. Mit einer Mischung aus Verzweiflung über die letzten 3 Stunden und der totalen Überzeugung, dass wir den letzten Schritt nun auch noch schaffen werden, gehen wir in das Gebäude. Drinnen will ich meinen Augen nicht trauen. Ich beginne zu zweifeln, dass das alles wahr ist. Gibt es im Iran eine „Versteckte Kamera“? Agent 3 steht vor uns. Agent 4 auch. Der redet aber nicht. Sitzt nur da. Agent 3 beginnt wieder zu blubbern. Ich ignoriere ihn. Meine Frau versucht es – mit mäßigem Erfolg! Hinter dem einzigen Computer in diesem Büro von „Iran Insurance“ sitzt ein junger Mann. Er ist offensichtlich der Bearbeiter. Und er spricht kein Wort Englisch. Er spricht aber eh sehr wenig. Er bekommt unsere Fahrzeugpapiere. Tippt in seinen Computer. Raucht. Schaut mehr in den laufenden Fernseher. Nach ein paar Minuten sagt er etwas auf persisch. Ich verstehe nichts. Agent 3 mischt sich ein.

In diesem Moment kommt ein neuer Agent durch die Tür. Der Neue versucht nun zu erklären, was die Versicherung kostet, was die Deckungssummen sind und für welchen Zeitraum sie gültig ist. Wir sollen 150 € für 4 Wochen bezahlen. Es kommt uns sehr teuer vor. Aber wie das Schicksal so will, erscheint nun der LKW-Fahrer von vorhin wieder. Er hat unser Auto vor der Tür gesehen und wollte nur mal kurz checken, dass wir alles bekommen. Er ist viel in ganz Europa unterwegs und spricht sehr gut Deutsch. Wir fragen ihn, ob die 150 € real sein können. Er bejaht und ergänzt: „Bei eurem großen Auto, ja!“ Wir kramen also das Geld aus der Tasche und wollen nun wirklich ganz schnell weg bevor Agent 3 einem Impulsverbrechen zum Opfer fallen muss. Jen ist bereits bereit, das Doppelte zu bezahlen, sofern uns all diese Agenten einfach nur in Ruhe lassen.

Mit einem Versicherungswisch in der Hand rennen wir also aus dem Gebäude. Agent 3, Agent 4 und der neue Agent hinter uns her. Sie wollen immer noch irgendwas, erzählen was von Tankkarten und „money for the government“ bis sich herausstellt, dass das alles bei unserem B-Visa ganz anders ist!

Jetzt aber wird der 2. Zettel wieder wichtig. Ganz klar wurde es uns nicht aber wahrscheinlich war das eine Art Laufzettel, der nun noch von 2 weiteren Personen abgestempelt werden muss. Der Eine stellt sich an, will den Versicherungsnachweis sehen, doch nun taucht Agent 4 wieder auf. Er faselt etwas von Bakschisch und dass wir dann im ganzen Iran umher reisen können. 10$ und alles ist erledigt. Ich hätte ihm 50 gezahlt nur um möglichst schnell rauszukommen. Wir drücken die 10$ ab, bekommen den Stempel und gehen weiter.

Der neue Agent nimmt unseren Zettel und rennt damit zum nächsten Offiziellen. Dieser stempelt einfach. Wir spurten zum Auto. Der Neue neben uns her. Ich will wissen ob es nun vorbei, alles erledigt ist. Er bejaht und wünscht uns eine gute Fahrt! Wir sitzen im Auto, lassen den Motor an, übergeben den Laufzettel dem letzten Offiziellen und fahren nun endlich und endgültig vom Zollhof!

Iran! Wir sind drin! Langsam rollen wir die Hauptstraße von Bazargan hinunter. Noch sieht es nicht viel anders aus als in der Türkei. Wir schütteln immer noch den Kopf über das Ausmaß an Durcheinander und Wahnsinn an der Grenze, die einzelnen Agents, denken darüber nach ob das ein durch und durch choreografiertes Schauspiel war, um uns 10 $ abzuknöpfen und dann sagt Jen: „Weißt du was das Schrägste war?! Agent 8 hat mir zum Abschied eine Kusshand zugeworfen!“. Ich muss lachen. Nach diesem Spektakel an der Grenze wundert mich nichts mehr! Und dann fahren wir direkt nach Makoo. Zu unserer ersten Essenseinladung bei Fathme und Berus.

Iran Bazargan

Inschallah! Iran, wir kommen!

Und dabei hatten wir noch nicht die leiseste Ahnung, was uns noch alles bei der Ausreise erwartet!
To be continued!

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6 Kommentare

  1. Kurosh

    Kurosh
    Ich glaube ihr seit ins falsche land gereist…Im Iran dürfen natürlich Frauen
    in Städten Auto fahren!!!
    Und die Versicherung für 150Euro haben euch übern Tisch gezogen.
    Die hättet ihr nicht zwingend benötigt.Ich fahre öfter mit dem Auto nach IRAN

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  2. Hamid

    Ich werde mit meinem Motorrad in Mai 2016 auch in Iran (mein Heimat) einem Tour machen. Brauche ich eine Versicherung (Grüne Karte) oder auch ein internationaler KFZ-Schein? Carnet habe ich.
    LG
    Hamid

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    • Hi Hamid,
      verzeih die späte Rückmeldung.
      Du brauchst im Iran offiziell eine Versicherung, doch die meisten Versicherungen aus Deutschland greifen nur bis einschließlich Türkei. So war es zumindest bei uns.
      Wir konnten an der Grenze von der Türkei in den Iran direkt in Bazargan eine Versicherung abschließen. Für uns ein wenig abenteuerlich aufgrund der Sprachschwierigkeiten, doch dein Farsi ist sicher besser als unseres :-)
      Einen internationalen KFZ- oder Führerschein haben wir nicht gebraucht. Das Carnet natürlich schon!
      Viel Freunde und eine gute Reise!
      Liebe Grüße, J&P

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