Glaarkshouse

Schrecken und Schönheit. Bosnien und Herzegowina.

1995. Während ich mir in diesem Sommer von einem Rave zum nächsten das Gehirn aus meinem zugedröhnten Schädel tanze, mich auf meine Führerscheinprüfung vorbereite und mit meinem Vater einen Road Trip durch die USA und Mexico unternehme, während ich mich noch grün hinter den Ohren zur Auseinandersetzung mit diversen Philosophen berufen fühle, meinen Deutschleistungskurs sowie den Ethikunterricht für das einzig Sinnvolle der Oberstufe halte und mich zusammen mit meinen Freunden für unschlagbar und unsterblich halte … passiert direkt vor unserer Haustüre – nur etwa 900 km entfernt ein grauenvoller Krieg und eines der schlimmsten Massaker der europäischen Geschichte.
Natürlich haben wir damals die Nachrichten verfolgt. Natürlich haben wir mit Schrecken die Unruhen im früheren Jugoslawien beobachtet. Natürlich haben wir gegen den Krieg – und so vieles andere demonstriert. Meine liebe, damals neu hinzugezogene Freundin Jasna flüchtete mit ihrer gesamten Familie aus Zagreb nach Deutschland. Die mangelnde Berichterstattung über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien während meiner vierwöchigen Vater-Tochter-USA-Reise stimmte mich in meiner rebellischen Jugend traurig – und wütend.
Und dennoch … das gesamte Ausmaß des Krieges aber vor allen Dingen der Besetzung Sarajevos sowie das Massaker von Srebrenica wurde mir erst 20 Jahre später so richtig bewusst.

2013. Aus Kroatien kommend erleben wir Bosnien und Herzegowina zunächst als ein ausgesprochen entspanntes, friedliches, grünes und fruchtbares Land. Wir fahren durch kleine Dörfer und gewaltige Schluchten, campen an wilden Flüssen, in grünen Tälern und an klaren Seen.
Würden wir nicht die vielen Minnerette der kleinen Moscheen und den regelmäßigen Gesang der Muezzine wahrnehmen, so könnte man sich in der Schweiz oder in Österreich vermuten. In der gemütlichen Stadt Jajce verbringen wir ein paar entspannte Tage, wandern, freuen uns über die offenen und strahlenden Bewohner, besichtigen Festungen, Moscheen und Ruinen, sind wie so oft begeistert vom bunten Treiben auf den lokalen Märkten, essen köstliches Börek und frische Fladenbrote zum Ayran.

Wir erreichen Sarajevo. Eine Stadt, die mich im Vorfeld und aufgrund vieler Erinnerungsfetzen aus dem Geschichtsunterricht immer ganz besonders berührt hat. Der Beginn des ersten Weltkriegs, die Ermordung des Erzherzogs Franz Ferdinand, die Olympischen Winterspiele von 1984, die Besetzung der Stadt von 1992-1995. Viele Bilder, Daten und Fakten schweben mir durch den Kopf. Und doch fehlt mir ein Gesamtbild, ein Gesicht, ein Geruch, ein Gefühl.
Was wir vorfinden ist eine unglaublich große, wilde, bunte Metropole mit ungewöhnlich freundlichen und offenen Menschen. Wir entdecken einen ruhigen und sogar ziemlich grünen Stellplatz für unseren Truck, von dem aus wir die Innenstadt bequem mit der alten Straßenbahn oder sogar zu Fuß erreichen können.
Kaum angekommen, schnappen wir uns gleich die erste Tram, gehen aber bald zu Fuß und lassen die Hauptstadt mitsamt ihrem Klangteppich, ihren Gerüchen, ihren Vibes auf uns wirken. Viele Gebäude wirken alt oder sogar heruntergekommen, sozialistisch anmutende Architektur, Graffitis machen aus Wänden Meinungen, dazwischen finden wir Architektur jüngeren Datums, die Altstadt mit vielen Touristen, aber auch kleine Gassen mit kleinen Coffee Shops, viele Moscheen, Kirchen, antike Gebäude. Der Fluss Miljacka trennt die Stadt in zwei Hälften und an seinem Rande finden wir kleine Stände voller Bücher, Antiquitäten – und auch Ramsch.
Aber erst bei genauerem Hinsehen erblickt man Dinge, die diese Stadt von anderen unterscheidet. Nein, es sind nicht die absichtlich angefertigten, mahnenden, erinnernden, künstlichen Blutflecke, die an die Opfer der Besatzung durch die Serben erinnern sollen und die in der ganzen Stadt zu finden sind.

Es sind die echten Einschusslöcher, die das gesamte Straßenbild und die Häuser zu Zeugen einer schrecklichen Vergangenheit machen. Es sind die stummen und doch sprechenden Gesichter der Menschen, die eine grausame Zeit hinter sich haben. Menschen unseres Alters, Menschen im Alter unserer Eltern … die das Grauen eines fürchterlichen Krieges in ihrem Land erlebt haben. Direkt vor unserer Haustür. Vor gar nicht allzu langer Zeit.
Peter und ich spüren plötzlich die Nähe und Eindringlichkeit dieser jungen Vergangenheit. Wir wollen mehr erfahren als das, was wir schon wissen. Wir besuchen ein Museum, das uns die abgeschottete Welt der Einwohner Sarajevos zur Zeit der Besatzung verdeutlicht: kleine nachgestellte Wohnzimmer zeigen den Alltag der Einheimischen, was sie zu essen hatten, wie sie sich verständigen konnten, wie sie sich auf dem Weg zur Arbeit oder zur Universität vor den Snipern schützen konnten. Zeitungsausschnitte der ganzen Welt lassen uns tiefer in die Geschichte einsteigen. Und begreifen. Nicht zuletzt ist das Museum selbst der beste Zeitzeuge. Einschusslöcher überall, die Nähe zum Holiday Inn – gleich gegenüber – in dem sich damals die Journalisten aller Welt verschanzt hatten.
Wir wissen … wir verstehen noch nicht genug. In der Innenstadt Sarajevos besuchen wir eine bewegende Foto-Ausstellung zum Gedenken an die Opfer des Massakers von 1995 von Srebrenica, die für uns eine Zeitreise in einen Alptraum wird.
(Ich möchte hier aber keinen Geschichtsunterricht erteilen und beschreiben, was andere viel fundierter können.)
Mich persönlich erschüttern die etwa 8.000 Portraits der getöteten Väter, Söhne, Brüder, Ehemänner, Frauen, Mütter, Töchter, Soldaten, Zivilisten … Menschen. Ein Völkermord. Ein Genozid. Wie konnte so etwas nach 1945 überhaupt in Europa passieren? Wie konnte die ganze Welt dabei zuschauen? Es zulassen? Zu spät reagieren?
Fotos zeigen kleinste Details des Schreckens vom Juli 1995. Filme zeigen Interviews mit Frauen, Müttern, Ehefrauen … die ihre Männer, Brüder, Kinder … oder ihre Würde in diesem Krieg verloren haben. Abgeschnitten, getrennt von ihren Männern ohne mögliche Kommunikation nach Srebrenica konnten sie nur warten und hoffen. Ich bin seit kurzem selbst Familie. Mit Peter. Ich weine, halte fest die Hand meines Mannes, der sich keinen Meter von mir entfernt einen anderen Film mit Kopfhörer ansieht. Er muss mich festhalten.
Wir sind beide erschüttert und reden nicht viel an diesem Tag. Die folgenden Tage beschäftigen wir uns weiter mit dieser Stadt, diesem Land, besuchen Friedhöfe, Moscheen, das ewige Feuer zum Gedenken an die Opfer. In der folgenden Zeit, die wir im wunderschönen Bosnien verbringen, setzen wir die Puzzlestücke zusammen, von den Dingen, die wir erfahren haben, von den Dingen die uns Einheimische erzählen, von Dingen die wir lesen und Dingen die wir beobachten können. Wir erhalten ein ganz persönliches, eindrückliches Bild, ein Verständnis von einem Land, wie man es nur erreichen kann, wenn man es gesehen und gefühlt hat.
Bosnien ist und bleibt für uns eines der beeindruckendsten Länder Südosteuropas, Sarajevo überrascht uns durch einen besonderen Zeitgeist, eine bewegende Jugendkultur, eine inspirierende Kunst- und Kulturszene, wache Menschen, offene Gesichter und eine unheimlich friedliche Atmosphäre. Was man in diesem Land an jeder Ecke und in jedem Blick spüren kann: hier will niemand – niemand mehr einen Krieg erleben!

SarajevoSarajevoSarajevoSarajevoSarajevoSarajevo

MostarBosnien

JajceJajceJajceJajceJajceJajce

 

 

 

 

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