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Varanasi und die Entspiritualisierung.

Dass ich diese Zeilen ausgerechnet in Varanasi, dem vielleicht heiligsten Ort Indiens schreibe, hat nur bedingt mit der vermeintlichen Magie dieses Ortes zu tun. Vielmehr mit der völlig nüchternen Tatsache, dass uns auf dem Landweg nach Osten eine Vorderachsfeder gebrochen ist. Zu Müßigkeit verdammt sitzen wir einige Tage fest und ich denke nach. Über gebrochene Federn. Über die Bedeutung dieses Ortes. Und über Spiritualität.

Vielleicht war es strategisch unklug, diesen besonderen Ort nahezu am Ende unserer Zeit in Indien aufzusuchen. Länger als ein Jahr nun haben wir die wilden Straßen des Landes befahren, haben heilige und weniger heilige Orte besichtigt – und vor allem all das, was sich dazwischen befindet. Vielleicht hätte uns der Spirit Varanasis vor einem Jahr noch mehr in seinen Bann gezogen. Wir wissen es nicht. Unsere Erfahrungen sind gemacht. Irreversibel.
Als wir uns entscheiden, auf dem Hippie-Trail nach Osten zu reisen, hat dies für uns zu keiner Zeit eine spirituelle Bedeutung. Indien soll für uns ein spannendes Reiseland sein, wie jedes andere Land auf unserer Route auch. Dennoch … es lässt sich nicht vermeiden sich hier mit dem Thema Spiritualität auseinander setzen zu müssen. Zum einen schreit das Land der Veden, der Upanishaden, der mehr als 900 Millionen Hindus, der unzähligen Götter, Tempel und heiligen Orte danach – zum anderen begegnet man hier natürlich unglaublich vielen Menschen, die sich genau aus diesem Grunde – und aus keinem anderen – in diesem Land aufhalten. Die Omnipräsenz des Hinduismus im indischen Alltag, die Beatles, die Hippies, die Aussteiger dieser Welt, die Halluzinogene, die Farben, das Licht, die magischen Plätze und schließlich der Meditations- und Yoga Tourismus haben nicht unwesentlich zum spirituellen Image des Landes beigetragen.

Varanasi Varanasi

Spiritualität. Ich frage mich zunächst, was das eigentlich für mich bedeutet. Im weitesten Sinne bedeute sie Geistigkeit oder auch Geistliches in spezifisch religiösem Sinne. Ich persönlich bevorzuge die recht simple Definition, sie bezeichne alles nicht Materielle. Oder eine nach Sinn und Bedeutung suchende Lebenseinstellung.

Nun, ich möchte mir nicht anmaßen zu behaupten, ein durch und durch spiritueller Mensch zu sein. Vielleicht möchte ich behaupten, ein spirituell äußerst interessierter Mensch zu sein. Und vielleicht möchte ich behaupten, Spiritualität in meinem Leben bereits erfahren oder gespürt zu haben. Außerdem hatte ich immer schon ein ausgeprägtes Interesse an … nun … sagen wir „Spiritualitätssprungbrettern.“ Ich liebe Yoga. Ich liebe die Meditation, die Stille und das Atmen. Ich liebe Mantras. Ich verschlinge entsprechende Literatur. Und ja, ich bin schon vor Jahren nach Asien gereist, um all dies zu vereinen. In Südindien. Oder auf Sri Lanka.

In meiner Wohnung herrschte eine wilde visuelle Orgie aus Shivas und Ganeshas, auch Buddhas aller Herren Länder, kleinen Hausaltaren, Smoking Sticks, Prayer Flags, Bindis und Malas und Weihrauch und Klangschalen … aber auch Marienabbildungen und Engel. Weil ich sie schön fand. Das unvollendete Chaos einer vielleicht unentschlossenen, doch durchaus an vielem interessierten Spiritualitäts-Chaotin. Schon mein ganzes Leben fühle ich mich eines göttlichen Ursprungs bewusst, doch habe ich für diesen bisher keinen passenden Namen gefunden. Und das ist gut so. Im Moment. Ich habe noch nicht den Antrieb verspürt, dies zu sortieren. Oder zu gewichten. Höchstens zu vertiefen. Dem Ganzen und mir näher zu kommen. Zu wachsen an meinen Fragen. Und an den Antworten die ich finde. Oder auch nicht.

Doch kann ich Spiritualität in Indien finden? Nie verspürte ich den Drang, speziell auf dieser Reise nach meiner Erlösung oder Erleuchtung zu suchen. Vielmehr wollte ich offen sein für alles: für Menschen, für die Natur, für Geschichten, für meine ganz persönlichen Erlebnisse. Und so lerne ich Menschen unterschiedlichster Religionen kennen, rücke meine eigenen Vorstellungen gerade, lese im Koran, in der Bhagavat Gita, vieles über den tibetischen Buddhismus, begeistere mich für die Worte des Dalai Lama, lerne viele hinduistische Götter kennen, besuche Kirchen, Moscheen, Tempel, Gompas, Gurudwaras, Gebete, Pujas, baue Vorbehalte ab, sauge, erlebe positive wie auch negative Einsichten, lerne Dinge kennen, die ich nicht verstehe und mit welchen ich mich in Zukunft intensiver auseinander setzen möchte. Doch was ich dann in Indien finde, hat mich selbst völlig überrascht: Die Entspiritualisierung!

Die Kommerzialisierung der so called „Indian Spirituality“ in den hinduistischen Teilen des Landes hat mich abgestumpft. Der Spirit am Ufer des Ganges in Varanasi bleibt aus. Ich genieße sehrwohl die Magie des Lichts, das Aufgehen der roten Sonne, die unvergesslichen Farben, den wunderschönen Gesang der Pujas, den einzigartigen Klangteppich in der Morgendämmerung, den Geruch der Räucherstäbchen, die Ordnung der Unordnung sowie das unglaubliche Durcheinander der vielen Gläubigen. Die Leichen auf den Sandelholzhaufen berühren mich einfach, weil es tote Menschen sind.

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„Wo ist das nochmal, wo’s hier schön sein soll?“ … fragt Peter mich an einigen dieser vermeintlich spirituellen Orte. Leider können wir den Müll, die Plastikflaschen im Fluss, die „traditionellen“, mit Werbung versehenen Holzboote und die organisierten Bettelbanden nicht ausblenden. Wir möchten keine Kerze in einem aluminiumbeschichteten Plastiktellerchen in den Ganges setzen. Und nein, ich möchte auch nicht meditieren in diesem durchaus schönen Licht, denn ich kann keinen Frieden finden wenn ich um mich herum gewehrsalvengleich das Wort „Boat?“ vernehme.

Ähnlich erging es mir an anderen heiligen Plätzen. Wenn sich am Strand von Goa die Yogazentren und laute Happy Hour Bars den Platz streitig machen so bevorzuge ich doch die einsame Nachbarsbucht. Orte wie Rishikesh, Happy Hampi, Kajuraho, Amanarth, Mathura oder Varanasi – die durchaus unheimlich viel Schönes zu bieten haben – verlieren für mich ihre Wahrhaftigkeit durch die dominierende Kommerzialisierung von Riten und Bräuchen. Wenn ich von Security Guards gruppenweise an einem Altar vorbeigeschoben werde, einen in Ketten gelegten Elefanten an einem Tempeleingang erblicke, für jede kleinste Information zur Kasse gebeten werde, ashram-interne Souvenirshops passieren muss oder von unzähligen Erleuchtungsressorts umgeben bin, so schwingt die Nadel meines ganz persönlichen Spiritualitätsbarometers eher im Defizitbereich. Genau wie überall auf der Welt – unter diesen Umständen.

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Und wird die Spiritualität hier wirklich gelebt? Unabhängig von diesen Orten begegnet uns die spirituelle Praxis des Hinduismus täglich. Sie ist omnipräsent. Jeder General Store besitzt einen hübschen kleinen Altar, jedes Tuktuk ist mit bunten Götterfiguren ausgestattet, Räucherstäbchen brennen am kleinsten Bananenstand, Opfergaben schwimmen in jedem Gewässer, bunte hochhausgroße Götterstatuen bewachen die Städte, jede Stirn ist bunt bepunktet, jeder Hals vielfach bekettet, jede Speise mehrfach gesegnet, jede Einnahme am Ladentisch beweihraucht, jedes Fest laut und fröhlich gefeiert. Nun, vielleicht haben wir uns nach einem Jahr „on the indian road“ etwas satt gesehen an der hiesigen Frömmigkeit, doch mir ganz persönlich fehlt die Spiritualiät „im Feld“. Auch wenn Nächstenliebe oder Rücksicht soweit ich weiß keine offiziellen Parameter im hinduistischen Wertesystem darstellen, so wünschte ich mir von einer Weltreligion mehr Anspruch an den Einklang vom Menschen und seinem achtsamen Handeln gegenüber seinen Mitmenschen sowie seiner gottgegebenen, schützenswerten Natur. Wenn schon nicht aus ethisch moralischen Beweggründen, dann von mir aus auch gerne zur Karmaoptimierung?

Die Huldigung von bizarren Gottheiten wirkt für mich oft so auswendig gelernt wie das sinnbefreite Herunterbeten eines „Vater Unsers“. Die Maschinerie des gelebten Alltags-Hinduismus und die Suche nach Erleuchtung, nach dem „real thing“ in Indien fühlt sich für mich inzwischen ebenso bizarr an wie die Suche nach Erlösung in der Kirche oder nach dem Glauben an die Vergebung durch die Beichte. Die gewaltige Überpräsenz der Gläubigkeit hat mich eher erdrückt anstatt mich einer „Befreiung“ näher zu bringen.

Ich werde mich in meinem Leben weiterhin an Spiritualitätssprungbrettern bedienen. Weil sie mir gut tun. Weil sie mir helfen. Weil ich sie schön finde. Und weil ich Rituale liebe. In meinem ganz persönlichen Alltag werde ich mich weiterhin sehr stark an sehr rationalen, ethisch basierten Werten wie dem bewusstem Umgang mit anderen, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, Dankbarkeit, Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Toleranz üben. Dafür nutze ich allerdings keine Spiritualitätssprungbretter – sondern meinen Kopf.
Aber Gott ja! Ich habe meinen undefinierten, immer noch in den Kinderschuhen steckenden Glauben behalten. An was auch immer. Und meine Liebe zu Indien. Ja! In jeglicher Hinsicht. Indien ist wundervoll! Indien ist lustig. Indien ist ein Abenteuer. Indien ist ein unglaublich spannendes Reiseland. Und es hat für mich so viel mehr zu bieten. Doch Spiritualität?

Nun. Ich werde sie weiterhin suchen. In Indien. Wie in jedem anderen Land der Erde auch. In den Bergen. An den Seen. Am Meer. In den Herzen von Menschen. In den Sternen die wir jede Nacht aus unserer Dachluke erblicken. In der Wüste. In tiefen Gesprächen mit mir wichtigen, wahrhaftigen Menschen. In den Worten und in den Augen von Kindern. In alten Seelen. In einem Gitarrenklang von John Frusciante. In einem Blick. In göttlichem Sex. In einem Lagerfeuer. Im Lächeln eines buddhistischen Mönchs wenn ich seine Barmherzigkeit fühlen kann. Vielleicht im tibetischen Buddhismus selbst. Beim Besteigen eines hohen Passes. In mir. In dir. In uns. Beim plötzlichen Hauch einer Ahnung dessen was all dies zusammenhält. Oder einfach nur beim gesungenen Lied eines Hirtenjungen inmitten der mongolischen Steppe.

 

 

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