Glaarkshouse

„No Problem!“ Grenzerfahrung III. Oder indische Werkstattkunst.

Ich glaube dieser Eintrag ist in erster Linie eine therapeutische Maßnahme für den Verfasser! Zu vielfältig, zu absurd, zu ungewohnt, unverdaulich und gleichzeitig zum Kaputtlachen waren die Eindrücke, die das Glaarkshouse bei zwei „Werkstattbesuchen“ erleben durfte.

Episode 1
„A really well maintained car!“
Also, das Auto fährt. Immer noch! Nein, ich will damit nicht so etwas wie „trotz der Werkstatt“ andeuten. Aber auch nicht „wegen der Werkstatt!“

Ölwechsel waren fällig. Und zwar einige: Motor, Getriebe, Achsen, Vorgelege. Außerdem wollten wir die Hinterreifen tauschen, Bremsflüssigkeit wechseln und unbedingt unsere Hupe upgraden! Nun, das kann man (fast) alles selbst machen. Nur wohin mit den insgesamt 35 Litern Altöl?!

Wir fahren also verschiedene große Werkstätten an – nach einem sehr abenteuerlichen Räderwechsel bei einem Straßenschrauber in der Türkei habe ich mir aus Rücksicht auf meine psychische Gesundheit geschworen, nur noch „richtige“ Werkstätten an unser Zuhause zu lassen! Mit einem geraden, asphaltierten Boden.
Mercedes-Benz Indien – sehr nett und kompetent, kennt sich aber nur mit Luxuskarossen aus.
Tata – echt indisches Heavy Metal, aber – und das versteh einer – hat keinen Wagenheber für einen 7,5-Tonner parat!?
Bharatbenz – die indische Daimler-Tochter mit dem Masala-Tea, der Frau Glaarks restlos überzeugt hat! Ach so, Bharatbenz macht nur in Trucks.

Wir klären also mit den Männern von Bharatbenz im Detail, was wir benötigen, dass wir einen Original-Ölfilter dabei haben, welche Öle und welche Bremsflüssigkeit wir eingefüllt haben wollen, dass es eine klitzekleine Komplikation gibt, dass nämlich irgendwann mal jemand die Ablass-Schraube für das Getriebeöl verschweißt hat – und wir vereinbaren einen Termin. Die Antwort war nicht anders zu erwarten: „No problem! In 3 or 4 hours everything is done!“ Das ist der Moment wo man nach 3 Monaten Indien weiß, dass es eher 6 bis 8 Stunden sein werden – bei günstigen oder glücklichen Bedingungen.

Nun, voller Zuversicht erscheinen wir zu dem vereinbarten Termin. Und siehe da, plötzlich erwartet uns eine ganze Delegation von Daimler India, die sich einen 27 Jahre alten Unimog, der von Deutschland bis nach Indien gefahren ist, mal aus der Nähe anschauen wollen. Und die Herren wollen das anscheinend nicht so recht glauben: „27 years? A really well maintained car!“ Sie fotografieren das Auto, sich und das Auto und vergewissern sich mehrmals ob das Auto wirklich 27 Jahre ist. Mir fällt nichts anderes ein als zu sagen „You can only do that with a Benz!“.

Nach dem Werkstatt-Fotoshooting ist es dann soweit: als ob ich Ahnung hätte, liege ich mit dem Daimler Head of Services unter dem Auto und erkläre ihm was Portalachsen sind, warum dort 2 Zylinder mit Bremsflüssigkeit verbaut sind und dass ich das Aufbohren der Getriebeöl-Ablass-Schraube für eine nicht so gute Idee halte. Der Werkstatt-Manager kommt hinzu und nun ist alles noch mal geklärt. „Pheeew, jetzt geht’s los!“ denke ich. Tja, mittlerweile sind zwei Stunden vergangen, in einer Stunde ist also alles erledigt – wir glauben natürlich nicht daran! – und da trifft sie uns, die Mittagspause! So ein Pech! Mittlerweile hängen wir einen ganzen Vormittag in einer indischen Werkstatt ab und es wurde noch kein einziger Schraubenschlüssel an unserem Auto angesetzt. Würde so etwas in einer deutschen Werkstatt passieren, sähe man sich schon die Droh-Email an den Vorstandsvorsitzenden des jeweiligen Autobauers schreiben und den geforderten Preisnachlass lautstark in der ganzen Werkstatt umher brüllen. Natürlich nicht so in Indien! „No problem!“ Auch für uns.

Hoch motiviert kommen die Mechaniker aus der Pause, stürzen sich auf das Motoröl, wechseln den Filter, vergewissern sich so oft, dass wir das Altöl wirklich nicht mehr haben wollen, dass ich anfange zu glauben, man könne es in Indien teuer weiterverkaufen, machen sich an die Entsorgung desselbigen und … und waren nicht mehr gesehen. Für ein Stündchen! Es wurde schon langsam dunkel als wieder ein Mechaniker auftaucht und nun gar nicht mehr so motiviert nachfragt, wie man das Öl in den Vorgelegen und den Achsen ablassen kann. Mit viel Mühe und selbst unter dem Auto liegend gelingt es uns, vor Betriebsschluss noch das Achs- und das Vorgelegeöl zu wechseln. Gott sei dank haben wir am Nachmittag schon mal nachgefragt, ob wir über Nacht auf dem Werkstattgelände parken – und schlafen –können. Der Werkstattleiter versichert uns, dass morgen Vormittag alles erledigt sein wird! „Yes, no problem!“ … „Ja genau, ganz bestimmt!“ und ich frage Jen, ob wir noch genügend Wasser und Vorräte für 4 Tage dabei haben!

Es ist der nächste Morgen und die Sonne scheint. Es verspricht ein schöner Tag zu werden. Und in ein paar Stunden rollen wir vom Hof, weil dann ist ja alles fertig! Na ja, so gegen 10.00 Uhr wage ich nachzufragen, ob denn schon ein Mechaniker da wäre, welcher sich um das Getriebe und die Bremsen kümmern wollen würde – wenn es denn keine Umstände mache, oder so!? Immerhin hat dieses Nachfragen etwas bewirkt: eine Viertelstunde später sitzen zwei Mechaniker unter dem Auto, einer bewaffnet mit einer Kinder-Wasserspritzpistole. Ein herzzerreißender Anblick!

Wie am Tag zuvor vereinbart, wird die verschweißte Ablass-Schraube am Getriebe nicht aufgebohrt. Da Kreativität auch in Indien keine Grenzen kennt, kam ein findiger Mechaniker auf die Idee, das Getriebeöl einfach bei der Einfüllöffnung raus zu saugen. Mit der Kinder-Wasserspritzpistole. „Reverse Mechanics“ sozusagen! Was er nicht bedacht hat, waren die rund 11 Liter Öl, die in einem Unimog-Getriebe vorhanden sind. Das dauerte eine ganze Weile. Aber sie haben fast alles rausbekommen! Ich konnte nicht anders als den beiden Jungs unter dem Auto meinen allerhöchsten Respekt ausdrücken! Ich fand das wirklich toll! Mal wieder „Incredible India!“

Wie man sich denken kann, waren natürlich mittags noch nicht die Reifen gewechselt, noch nicht die Bremsflüssigkeit gewechselt, keine neue Hupe installiert, noch keine Probefahrt gemacht und auch noch nicht die Rechnung erstellt. Aber am Abend war dann alles erledigt. Wir blieben noch eine Nacht auf dem Werkstattgelände und machten uns am nächsten Morgen auf den Weg zu einer Hilltop Station auf rund 1.100 Meter Höhe. Der Anfang zu unserer zweiten Episode „aus Indiens grandioser Werkstattkunst!“

Bharatbenz Nagpur Bharatbenz Workshop Mr. Singh

 

Episode 2
Eine Woche auf dem Klo!
Die Hilltop Station Pachmari liegt ein bisschen in der Höhe. Leider aber nicht hoch genug, um meine Dummheit mit einem akuten Anfall von Höhenkrankheit und der damit einhergehenden Verwirrtheit entschuldigen zu können.

Pachmari Hill Top Station

Da ist also ein horizontal hängender Ast irgendwo dort auf dieser Hilltop Station. Durchmesser so gegen 30 cm. Höhe des Astes: 3,41 Meter (geschätzt). Höhe unseres Fahrzeuges: 3,45 Meter. Inklusive des Solarpanels, welches leider den höchsten Punkt unseres Autos darstellt. Nun, der Ast war stärker als das Panel. Aber dem nicht genug: der Ast, der das Solarpanel zum Bersten gebracht hat, hat leider auch die Verankerung des Panels aus dem Dach gerissen! Meine Laune war sehr mäßig! Und wir hatten uns doch auf ein paar friedliche Tage in diesem Nationalpark eingestellt. Ohne Strom geht bei uns leider auch nur wenig. Wir schliefen erst mal aus und dann ging’s ans Werk:

Dank meiner wunderbaren Frau hatten wir innerhalb von 2 Stunden ca. 30 Solarpanel-Firmen in Indien angeschrieben! Und da wir eh weiter Richtung Norden mussten, fuhren wir also Richtung Delhi. Zwei Tage später bekommen wir eine Email zu lesen, die wir zunächst für einen Scherz hielten. Eine indische Solarpanel-Firma bietet uns kostenlos 4 Solarpanels an. Nur den Transport der Panels nach Delhi müssen wir übernehmen. Ich rufe also den CEO an und stelle mich darauf ein, dass sich nun endlich dieser Scherz auflöst … tat er aber nicht! Falgun ist sich seines Angebots sicher. Er findet unsere Reise eine traumhafte Sache und möchte uns gerne unterstützen! Incredible India, mal wieder!

Wir vereinbaren einen Termin und einen Ort in Delhi. Einer der Techniker ist eh gerade in Delhi und kann uns bei der Installation behilflich sein.
Frohen Mutes treffen wir Anand und es beginnt eine sehr lange Woche: Wir brauchen leider auch neue Batterien, einen neuen, stärkeren Solarladeregler und einen neuen Befestigungsrahmen für vier 125 Watt Panels.

Anand schlägt vor, dass wir uns bei einer Schlosserei treffen, um dort die gesamte Rahmenkonstruktion und Installation fertig zu machen. Nun, die Schlosserei arbeitet fast komplett auf der Straße. Und da wir in Indien sind, ist die Sache mit der Toilette auch denkbar einfach gelöst. Alle Flüssigkeiten gehen direkt an die Wand vor der das Glaarkshouse nun eine Woche stehen muss, um das alles abzuschließen … Jen und ich finden das alles andere als lustig, weshalb wir auch die Nächte immer in den 20 Minuten entfernten Nehru Park flüchten.

Um es kurz zu machen: die neuen Batterien, der Laderegler und der Rahmen waren nach einer Woche montiert und betriebsbereit. Leider brauchten wir nochmal einen neuen Satz Panels, der dann tatsächlich eine Woche später in Delhi eingetroffen ist.

Nach einem betriebsamen Nachmittag zusammen mit meiner Frau auf dem Dach war es dann aber endlich soweit. Die vier neuen Panels feuerten die gewünschten 500 Watt Leistung in unser Zuhause. Und weil wir immer noch in Delhi waren und wir so manchen Mangel an unserem Befestigungsrahmen festgestellt haben, fuhren wir noch mal zum „Klo“! Der Workshop-Manager wusste nicht so recht, ob er sich freuen sollte uns zu sehen oder besser fliehen sollte!

Diesmal gelang es uns aber innerhalb von 3 Stunden alles fertig zu schweißen und wir rollten ohne zusätzliches Toiletten-Trauma auf die Straße Richtung Nepal.

Der Beginn eines neuen Zeitalters im Glaarkshouse hatte begonnen. Seit dem sind wir so Strom-unabhängig, dass wir vermutlich den überschüssigen Strom an die Nepalesische Regierung verkaufen könnten – hier gibt es nämlich täglich einen 12-Stunden Powercut.

Danke Talwar. Danke DJ. Danke Falgun. Danke Anand.
Für eure großartige Unterstützung!

Exide Workshop Delhi Lunch Break Metal Workshop Delhi Metal Workshop Delhi Peter und Anan Nehru Park Delhi Neue Exide Batterien

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Na Klasse da ist der Unimog ja fast wie neu und ihr könnt euch einen elektrischen Heizlüfter zulegen falls es mal kalt wird :-)) 500 Watt ist schon eine brauchbare Größe !! Werde meine auch mal austauschen da ich das Gefühl habe das die Leistung nachlässt. Wer ist denn auf die geniale Idee gekommen die Ablass Schraube fest zu schweißen ?? Weiterhin viel Grück !!

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  2. Das sind wohl vergangene Erinnerungen neu erweckt! Nicht viel hat sich geaender seit wir in Indien waren – ‚ 81-82.
    Habt recht mit dem werbe spruch – Incredibel India!
    We have a saying here in SA: – make a plan! – fuer alles das ausserhalb des ordinaeren und vorgestellen und erwarteden liegt und das eine bestimmte handlung die zur loesung fuert erwarted!
    Ohne plan waere wohl das Oel nie gewechselt worden! Das mit der kinder wasserpistole finde ich huge!
    Was fuer eine idee! Give this man – (da man wohl nicht mit Bells rechnen kann) make it a CHAI ! HAHAHA!
    Uebrigens Spinat mit chicken curry und den ueblichen Reis and lekker ausehenden Naan – yum!
    Gute weiterreise – tot siens and hamba kahle von Thomas & Jessie JHB

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