Glaarkshouse

Von Campingplätzen und Schrebergärten.

„ … Peter, so ein Schrebergarten öffnet den Zugang zu einer vollkommen neuen Produktpalette. Auf einmal kann man im Baumarkt nach richtigen Motorsägen suchen! Du weißt schon! Den Benzinmotorsägen mit ein paar PS!“

Ja, mein Freund Andi* hat so seine ganz eigene Meinung zu Schrebergärten im Allgemeinen und zu seinem eigenen im Speziellen. Manche seiner Sätze schallen mir immer noch in den Ohren. Zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass sich Andi noch nie Gedanken über die PS seines Autos gemacht. Auch hat er sich nie Gedanken über sein Auto gemacht! Und wegen der Freundschaft möchte ich erwähnen, dass der Andi sehr viele, sehr gute Sätze in seinem Leben von sich gegeben hat. Er verdient sogar Geld damit, Sätze zu produzieren – zu weit anspruchsvolleren Themen als Schrebergärten! Und wahrscheinlich gerade deswegen fand ich es so erstaunlich, dass mein sätzeproduzierender Freund Andi mir mit Stolz geschwellter Brust von seiner Einladung zu einem Gastvortrag beim Deutschen Schrebergarten-Verband berichtet hat! Oh mein Gott! Wo bin ich gelandet? Oder anders: Was ist denn mit dem los!

Ich habe das lange noch nicht mal ansatzweise verstanden! Bis heute!

Ich selbst musste erst mit einem Unimog auf einen Campingplatz in Südtirol fahren, um zu begreifen was der Andi in seinem Schrebergarten so erlebt.

Dieses Parzellenleben in fast vollkommener Transparenz ist auf einem Campingplatz und in einem Schrebergarten erschreckend vergleichbar. Man grüsst sich – obwohl man sich überhaupt nicht kennt. Die Kategorie „Dauergrinser“ gibt es auch in beiden Universen!

So, jetzt stehen wir seit drei Tagen auf diesem wunderschönen Campingplatz direkt am Kalterer See und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich wirklich sehr neugierig bin, was die anderen so an ihren Fahrzeugen und Wohnwägen dranhaben. Was es da alles gibt. Und aus welcher Epoche das Equipment so stammen muss. Und man kann das so herrlich einfach mitverfolgen, was da alles beim Aufbau aus dem Kofferraum gekarrt wird. Unglaublich was in einem Fiat Punto alles Platz hat! Und ständig frägt man sich „Könnten wir das auch gebrauchen?“ Hallo! Natürlich braucht ein weltreisender Unimog keine fenstergroßen Isolier-Alu-Schutzblenden mit Saugnäpfen für die Fahrerkabine!

Und den Psychologen interessiert natürlich immer auch welche Motive die Menschen haben müssen. Mein erster Gedanke war Geldersparnis! Musste ich aber verwerfen! Es kann mir keiner erzählen, dass ein Wohnwagen mit den Ausmaßen eines Reisebusses günstig ist! Was ich mir allerdings vorstellen kann ist, dass es zunächst das wenige Geld war, das den Menschen anfangs auf den Campingplatz gebracht hat! Und dann kommt die Nostalgie dazu, viele romantische Erinnerungen, als die Campingplätze noch alle an einsamen, verschlafenen Seen lagen, an denen man morgens noch ganz unbeobachtet nackt baden konnte! Naja, und so weiter eben …

Also, mein erstes Schnell-Assessment nach drei Tagen ergibt folgende Gruppierungen: die größte Gruppe ist die, die von sich behaupten „wir gehören eigentlich nicht hierher!“ Diese Gruppe fühlt sich unglaublich cool und gebildet und hat schon alles andere erlebt und möchte mal was Bodenständiges erleben, ein bisschen „thrill through authenticity“ oder so. Unnötig zu erwähnen, das Weltreisende auch in die Kategorie fallen könnten!

Ein Campingplatz

Die zweite Gruppe sind die, die das schon immer machen. Daran zu erkennen, dass das Wohnwagen-Vorzelt an die Epoche der Pril-Blumen auf giftgrünen Küchenfliesen erinnert. Die wahren Nostalgiker!

Die dritte Gruppe sind die Familien. Mindestens 2 Kinder! Ich glaube das Motiv ist das gleiche wie bei der ersten Gruppe mit dem einen Unterscheid, dass die Eltern ein pädagogisches Sendungsbewusstsein haben und ihren Kindern Authentizität vermitteln wollen. Daher wird mein Freund Raffael* auch nicht müde zu betonen „wie supertoll die Kinder Camping finden“! Mein Freund Raffael produziert übrigens auch sehr viele Sätze. Sehr gute, sehr schlaue, sehr pädagogische! Und er hat ein gelbes Nummernschild. Vielleicht muss er aber auch nur deswegen Campen!? Auf jeden Fall ist Raffaels seit Jahrzehnten ungebrochene, weltweite Camping-Überzeugtheit mit Schuld, dass wir im Augenblick in einem Wohnmobil zuhause sind!

Die vierte und letzte Gruppe ist die Gruppe der Wasser-, Rad-, Laufsport-Fanatiker, die sich gerne im Grünen aufhalten! Die sind eigentlich wirklich cool. Um zu denen zu gehören, muss man sich entweder einen Radgepäckträger ans Auto schnallen – ging bei uns leider nicht! – oder noch besser einen Unimog fahren und seine benutzten – oder unbenutzten ­­– Laufklamotten demonstrativ ans Auto hängen. Es funktioniert! Mehr oder weniger!

Alles in allem haben wir aber unser Ziel erreicht: nach vielen Wochen des Vorbereitens, des Kämpfens mit zahllosen Behörden, Vorschriften, mit den Ratschlägen von Besserwissern im Internet, dem Wohnungsauflösen und Verabschiedungen hatten wir beide viel Zeit zum Schlafen! Einfach wundervoll! Und wir haben uns mal 2 Tage am Stück nicht über die oben genannten Themen unterhalten! Das war sogar grossartig! Einfach nur runterkommen! Und ankommen! Eine ganz neue Qualität! Und dazu mussten wir auf einen Campingplatz am Kalterer See. Das war unser Schrebergarten in Südtirol! Danke Simba! Danke Andi! Danke Raffael! Danke Fee!

 * Namen von der Redaktion geändert.

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Ein Kommentar

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